Nach dem Abbruch der #R2NSC 2018 ging ich mit gemischten Gefühlen in die Vorbereitung zur erneuten Teilnahme an der Ruhr2NorthSeaChallenge. Mein erstmaliger Start in 2017 verlief optimal (Nachlese hinter den Links).

Eine chaotische #R2NSC

Strava Aktivität #r2nsc Alex Kensy 2019
Die Strava-Aktivität zur #r2nsc 2019. Link zur Aktivität auf Strava: https://www.strava.com/activities/2452450521

Doch erst: Vorbereitung

Der Abbruch der 2018er Ausgabe des Events lag an der unzureichenden Vorbereitung und der zu schnellen Ermüdung durch die durchweg zu hohe durchschnittliche Herzfrequenz. An letzterer war der starke Gegenwind sicher nicht ganz unschuldig. Unter’m Strich muss ich mir jedoch eingestehen, dass ich unüberlegt zu lange zu hart gefahren bin. Nach lediglich 50 % der Strecke ging dann so gut wie nichts mehr.

Also wollte ich es 2019 ruhiger und besonnener angehen. Die Trainingseinheiten zur Vorbereitung ließen sich locker runtertreten und die Aussicht auf das gemeinsame Absolvieren der Tour mit einem Bekannten stimmte mich positiv. Auch die letzte Duo-Trainingsfahrt im „Renntempo“ verlief erfolgreich.

Strava Aktivität Alex Kensy Vorbereitung
Die Strava-Aktivität zur letzten Duo-Vorbereitungsfahrt „Bienenstich ohne Kuchen“ vom 2. Juni 2019. Link zur Aktivität auf Strava: https://www.strava.com/activities/2417646237

Leider stach mich nach nicht einmal fünf Kilometern eine Biene in den rechten Mittelfinger. Sie hatte sich zwischen einem Band des Helms und meinem Ohr verfangen. Bei dem Versuch, sie mit der Hand zu entfernen, hatte sie sich wohl bedroht gefühlt und stach zu. Weil’s so schön aussah, füge ich hier gern ein Bild meiner Hand vom nächsten Tag ein.

Hand nach Bienenstich Alex Kensy
Nicht im Bild: eine Biene, die Verursacherin dieses schönen Body-Mods.

Abends vorher…

Traditionell übernachte ich vor der Veranstaltung im Duisburger Hotel am Stadion, um die Anreise möglichst kurz zu halten. Da die Nacht vor einem solchen Event immer kurz ausfällt, ist die Übernachtung im Hotel per se schon in Ordnung. Zudem sind die Betreiber überaus nett und zuvorkommend. Sogar mein Rad durfte ich aus Platzmangel mit ins Hotelzimmer nehmen.

Rein ins #R2NSC Vergnügen

Wie in den beiden Jahren zuvor auch, rollte ich rechtzeitig, aber etwas unausgeschlafen und gut vorbereitet an den Start an der Duisburger Schauinsland-Reisen-Arena.

Traditionsgemäß wurden wir um Punkt 04:30 Uhr von Thomas Kaiser, dem Vater der Event-Idee, auf die Strecke geschickt. Meinen Spannmann und meine Herzfrequenz fest im Blick rollten wir bei leichtem Nieselregen und 14° C auf Duisburgs Straßen los. Alles fühlte sich gut an, bis ich ein leicht schwammiges Gefühl am Hinterrad bemerkte. Ein Plattfuß nach gerade einmal fünf Kilometern. Klasse.

Material & Nerven

Mein ohnehin schon angespanntes Nervenkostüm frohlockte. Wir blieben rechts an einem Abzweig der Straße stehen und bereiteten die Reparatur vor. Diese an sich war kein Problem, die hunderten Mitstreiter, die teils spruchreich an uns vorbeidonnerten, schon. Dass ich mich nach dem Austausch des Schlauchs selten dämlich beim Einbau des Hinterrads angestellt habe und Hilfe vom Spannmann in Anspruch nehmen musste, würde ich gern unerwähnt lassen.

R2NSC Panne Platten bei fünf Kilometern Alex Kensy
Panne bei Kilometer fünf. Hilfe und Foto kommen von der Begleitung.

Die Aktion kostete uns etwa 15 Minuten und vier schmutzige Hände. Als wir weiterfuhren war mir schon arg kalt. Mal ganz abgesehen von den schmutzigen Händen und Klamotten. Ich fand meinen Rhythmus nicht so recht und bis zur ersten Pause, bei 50 km am Schloss Raesfeld, lief es unrund. Vor Ort gönnten wir uns vor trist-grauer Kulisse jeweils zwei Energieriegel, füllten die Trinkflaschen auf und weiter ging’s.

Heiter bis wolkig weiter

Immerhin hatte es aufgehört zu regnen. Die Funktionskleidung trocknete soweit gut durch, als wir Richtung Epe unterwegs waren. Wie üblich gestalteten sich die optischen Eindrücke dank der ländlichen Umgebung schön und abwechslungsreich. Auf Radwegen und an Bundesstraßen entlang ging es auf meist gutem Untergrund zügig voran. Lediglich die stets leicht zu hohe Herzfrequenz und der Rhythmus, den ich nicht fand, trübten das Gesamtbild für mich persönlich etwas.

Wir fanden keinen Anschluss an eine Gruppe, sondern fuhren zu zweit auf weiter Flur. Die Kollegen der schnellen Truppe waren längst außer Reichweite. Ich hätte das Tempo gern etwas reduziert, meine Begleitung hätte es gern etwas angezogen. Entsprechend beschlossen wir, dass sich unsere Wege ab dem zweiten Stopp bei Kilometer 100 in Epe trennen würden. Die Pause dort verbrachte ich ohnehin mit dem Aufsuchen eines örtlichen Fahrradladens. Schließlich wollte ich den zu Anfang verbrauchten Schlauch ersetzen.

Ein Himmelreich für einen Ersatzschlauch

Überraschenderweise herrschte bei Zweirad Vortmann reger Betrieb. Schläuche gab es in der gewünschten Größe natürlich nicht mehr käuflich zu erstehen und ich versuchte mein Glück am außen am Geschäft angebrachten Schlauchautomat von Continental. Allerdings wollte selbiger meinen Geldschein partout nicht annehmen. Also fragte ich im Laden nach Hilfe. Ein etwas genervter Mitarbeiter schloss den Automat letztendlich auf und ich erstand den letzten verfügbaren Schlauch in Größe 25-622 für zehn Euro, die ich dem Mitarbeiter wortlos in die Hand drückte. Dann noch auf das zu holende Wechselgeld warten zu müssen hätte ich nervlich wohl nicht gut verkraftet.

Jetzt aber…

Nachdem ich die Trinkflaschen aufgefüllt hatte, begab ich mich allein auf die verbleibenden 66,67 % der #r2nsc Strecke. Es liest sich vielleicht komisch, wenn ich schreibe, dass ich sofort einen guten Rhythmus fand und mit 26-27 km/h stetig dahin glitt, aber genau so war es. Ich achtete immer darauf, dass mein Puls nie über 150 Schläge pro Minute geriet, um nicht auf halber Strecke schlapp zu machen. Das klappte für die nächsten 50 km gut und ich konnte „im Flow“ und mit ausgeschaltetem Kopf fahren.

Immer wieder Georgsdorf

Es war jedes Mal (von beiden bisherigen Malen) ein Genuss, wenn sich der Service-Point Windmühle Georgsdorf an der Landstraße auftat. Die alte Kornmühle vom Typ „Gallerieholländer“ (wer mehr über die Mühle und den zugehörigen Verein erfahren möchte, klickt bitte hier), die umliegenden Gebäude und Wiesen wurden von den Fahrern rege frequentiert. Die fleißigen Helfer des Vereins kredenzten, neben Wasser und Cola, die legendären Buchweizenpfannkuchen aus eigener Ernte. Mega lecker! Circa 50 km vor der Mittagspause konnte ich mir – inzwischen in einem optisch leicht lädierten Zustand (siehe Bilder unten) – so eine süße Vorspeise schon mal bedenkenlos gönnen.

Flowout bis Leer

Wie bereits auf den Kilometern 100-150 zog die Landschaft im Autopilot bis Neudersum an mir vorbei. Dort gibt’s nach 200 km traditionell einen ordentlichen Schlag Nudeln mit Gulasch im örtlichen Dorfkrug und ein alkoholfreies Weizen. Nachdem ich mir dieses Feinschmecker-Menü einverleibt hatte, begab ich mich nach kurzem Nachladen des Navis wieder auf die Strecke. Außer ein paar Tropfen war in Sachen Regen erst mal nichts wildes zu erwarten.

Den Service-Point in Leer bei Kilometer 240 wollte ich dieses Mal nicht auslassen. Bei der 2017er Ausgabe der #r2nsc war ich ob der Überfüllung und mangelndem Kaffee-/Kuchen-Bedarf ohne Zwischenstopp weitergefahren. Dort traf ich, wie vorher schon bei der Mittagspause in Neudersum, meine anfängliche Begleitung und Pannenhilfe. Die Jungs waren gerade damit beschäftigt, vor dem Lokal ein frisch geflicktes Laufrad wieder mit Luft zu versorgen. Das hatte scheinbar ordentlich Zeit gekostet. Schließlich war ich nicht besonders zügig (und solo) unterwegs und hatte ihn dennoch einholen können.

Ich nutzte den Service-Point vor allem für einen Toilettengang und das Auffüllen meiner Trinkflaschen und fuhr dann weiter in Richtung Ziel, in die meine Pannenhilfe bereits ein paar Minuten vor mir im Zweier-Sprintzug gestartet war.

Mach‘ lieber noch mal ’n Selfie

Eine Teilnahme an einer Veranstaltung wie der #r2nsc ist schon egoistisch geprägt. Oder positiv formuliert: man macht’s für sich. Das Überwinden des inneren Schweinehundes, wie man so schön sagt, steht im Vordergrund. Es ist kein Rennen, sondern eine Challenge. Trotzdem ist’s ja auch schön, wenn im Nachgang auch andere etwas davon mitnehmen können. Also schaute ich ein paar Kilometer vor Aurich noch mal schnell nach, wann ich eigentlich das letzte Foto mit meinem Smartphone gemacht hatte. Mist: zwischen Kilometer 150 und 250 hatte ich nicht ein Bild geschossen. Ergo: Mach‘ lieber noch mal ’n Selfie!

Kurzer Schock und letzte Kilometer

Die Kilometer liefen ganz gut von der Uhr und gut zehn Kilometer vor Aurich, wo ich gedachte, mir ein weiteres alkoholfreies Weizen zu gönnen, stürzte mir während einer kurzen Pinkelpause das Navi ab. Ich startete es neu und bangte gut fünf Minuten, während das Gerät die bisherige Aufzeichnung erfolgreich wiederherstellte.

Exkurs: Der Wahoo Elemnt Bolt, den ich seit Jahren als GPS Navi benutze, stürzt äußerst selten ab. Entsprechend begeistert war ich, als genau dieser seltene Fall so relativ kurz vor dem Ziel eintrat. Allerdings muss ich hier positiv hervorheben, wie gut das Wiederherstellen einer Aufzeichnung nach einem Absturz des Geräts funktioniert. Das erwarte ich von einer Head Unit, die der Hersteller mit 16 Stunden durchgängiger GPS-Aufzeichnung bewirbt. Hinweis: ich bekomme kein Geld von Wahoo für diese Erwähnung und stehe auch sonst in keinerlei geschäftlicher Beziehung zu irgendwelchen Herstellern, die ich hier zwischendurch erwähne. Ich mag das Produkt einfach und spreche darüber.

Mit leicht zittrigen Händen begab ich mich wieder in den Sattel, denn wir wissen doch alle: if it’s not on Strava, it didn’t happen!

In Aurich hielt ich planmäßig am Service-Point, der ältesten Kneipe „Zur ewigen Lampe“, gönnte mir ein alkoholfreies Weizen, eine Banane und einen Energieriegel und schnackte ein wenig mit den fleißigen Helfern. An dieser Stelle möchte ich mich wärmstens für den tollen Support, die aufmunternden Worte und die insgesamt herzliche Atmosphäre bedanken, die hauptsächlich durch diese Menschen ermöglicht wurde, die ihre Freizeit dafür opferten, dass Menschen wie ich an diesem Tag ein tolles Erlebnis mitnehmen konnten! ❤️

„Ich geb‘ dem Ding gleich ’ne Kopfnuss!“

Was fehlte noch? Ach ja, noch eine Panne. Kein Scherz. Also: ich fuhr die letzten Kilometer auf dem Weg nach Bensersiel ganz entspannt und locker, bis die Luft fünf Kilometer vor dem Ziel schlagartig aus meinem Vorderreifen entwich. Das konnte jetzt echt nicht wahr sein. Ich blieb rechts auf dem gut ausgebauten Radweg kurz vor dem Ortseingang Bensersiel stehen und kramte mein Flickzeug hervor. Glücklicherweise hatte ich in Epe (die aufmerksamen Leser erinnern sich schwach) einen Ersatzschlauch gekauft!

Es entfaltete sich eine skurrile Szene aus Wut und Freude, als das Pannenfahrzeug der #r2nsc Veranstalter neben mir hielt und die Insassen mir ihre Hilfe anboten. Ich schwöre bei der Existenz meines Rennrads, dass ich mir das nicht ausgedacht habe! Ich fragte bei der freundlichen Besatzung nach einer anständigen Pumpe, um nicht erneut in den Genuss einer 4-bar-Füllung meines Reifens mit der kleinen Mini-Pumpe kommen zu müssen, die ich in meiner Trikottasche mitführte. Die vier bar überschritt ich glücklicherweise nicht, denn, was ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht wusste, war, dass sich das Felgenband sowohl im Vorder- als auch im Hinterrad auflöste und die Speichennippel sich somit von innen in den Schlauch bohrten. Dass ich es mit diesem Defekt überhaupt bis ins Ziel schaffte, ist für mich schon ein mittleres Wunder.

Entsprechend vorsichtig und dankbar fuhr ich die letzten fünf Kilometer bis ins Ziel und war heilfroh, als sich der Fährhafen in Bensersiel endlich auftat! Mein Vater, der darauf bestand, mich in Bensersiel mit dem Auto abzuholen (Danke 💪), wartete im Zielbereich auf mich und machte netterweise ein paar Fotos von meiner Ankunft.

Mit Burger, Bier und ohne Dusche

Da es im Zielbereich recht windig zuging, zog ich mir schnell etwas über und schnappte mir meine Tasche mit dem Duschzeug. Leider musste ich feststellen, dass das Strandportal gerade schloss und ich entsprechend zu einer etwas weiter entfernten Location hätte laufen müssen, um dort zu duschen. Kurzerhand beschloss ich eine Katzenwäsche durchzuführen und frische Kleidung am Auto überzustreifen.

Zusammen mit meinem Vater begab ich mich zum Bierwagen und traf dort meinen Spannmann wieder. Wir gönnten uns eine Kleinigkeit zu Essen und ein Weizenbier (das war dann auch echt mal Zeit!) und beglückwünschten uns gegenseitig zur guten Leistung. Hiervon gibt es ebenfalls Bildmaterial, das ich hier jedoch ob meines fragwürdigen Outfits (und Frisur) nicht veröffentliche 😉

Nachdem wir die Räder verladen hatten, ging die 2019er Ausgabe der #r2nsc mit einer etwas zähen Autofahrt Richtung Heimat zu Ende, auf der ich für mich resümieren konnte, dass diese, trotz alle Widrigkeiten, wieder mal eine schöne gewesen war. Es bleibt dabei: die tolle Organisation, die netten Teilnehmer und die vielen unerwähnten Kleinigkeiten auf und neben der Strecke machen die Ruhr2NorthSeaChallenge zu einer der spannendsten Jedermann-Veranstaltungen, die der „Rennkalender“ in Sachen Radsport zu bieten hat.

Jeder, der eine solide Grundfitness mitbringt, kann die 300 km, die hier zu absolvieren sind, im großzügigen Zeitlimit der Veranstaltung (bis 00:15 Uhr im Zielbereich) absolvieren und am Ende konstatieren: ich bin an einem Tag mit dem Fahrrad von Duisburg an die Nordsee gefahren.

Alle Informationen zur Veranstaltung und zur Anmeldung für 2021 gibt’s auf r2nsc.de

Die Radsportveranstaltung #r2nsc erhält von diesem Leitmedium-Blog eine Gesamt-Bewertung von fünf von fünf möglichen Sternen.